Schlussakkördchen

Dies könnte ein Moment für eine Retrospektive sein. Ein Moment, um Revue passieren zu lassen. Ein Moment der Aufarbeitung gar. Ja, man könnte sogar eine Abstimmung über „das Beste“ einfügen (Welches Stück war euer favourite?), um jedem Internet-User das Gefühl der Gefragtheit seiner Meinung zu vermitteln.

Oder einfach lächeln und fernsehen. In die Ferne sehen, natürlich. Fernsehen ertrag ich nach so viel Theater nur mit Mühe. Und gedenken, während man in die Ferne sieht. Gedenken.

Als ich am Sonntag nach dem Writing about Terror-Gespräch zum Bahnhof flanierte, nachdem ich nochmals die Festivalatmosphäre tief inhaliert und sie in einem Hinterzimmer meiner Persönlichkeit deponiert hatte, um sie bei Gelegenheit wieder hervorzuholen, da flanierte ich mit einer Art Weltuntergangsstimmung. Der Himmel war leicht bewölkt, die Sonne verabschiedete sich, ein leichter warmer Wind ging. (Vielleicht brachte er aus der Ferne eine Melodie von Astor Piazzolla mit?) Ich stand am Bahnsteig und sah nach Westen; und abwechselnd irgendwas wie lonesome cowboy und Home is behind, the world ahead/and there are many paths to tread* denkend, sah ich den Zug einfahren. Überall um mich war nichts, oder zumindest wenig. Zu wenig. Selbst die eilenden Bahnreisenden wirkten wenig eilig, als hätten sie den Grund ihrer Eile vergessen. (Ja, ich erreiche den Punkt, an dem ich nicht über Erinnerung schreibe, sondern erfinde.)

Dennoch: die Stimmung war da. Zumindest in mir da. Und das ist jawohl definitiv da. Vielleicht war es das Gedenken an die Fragilität dessen, was mich umgab, was uns immer umgibt, was man das Alltägliche und das Normale nennt; jene Fragilität, die uns jetzt oft genug vor Augen geführt worden ist. Es war unwahrscheinlich, dass ich die kommende Zugfahrt nicht überlebte, aber ich musste damit rechnen. Wie ging ich damit um? Vermutlich wie alle Menschen. Einfach nicht so viel dran denken. Dieser Sieg ist es, denn wir dem Terror abgewinnen können, denn er kann dadurch nicht seine Wirkung entfalten. –

So oder ähnlich könnte der Kolumnist argumentieren, der sonntagmorgens den alternden Zeitungsleserinnen und -leser ihre Beruhigungsmittel in den Kaffee rührt. Nicht dran denken. Sich nicht einschüchtern und den Terror nicht gewinnen lassen und auf Mr. BND und den Verfassungsschutz vertrauen, die dank der Vorratsdatenspeicherung und der Amerikaner sämtliche Terroristen per Drohne exekutieren lassen können werden müssten, und das schon bald.

Ist es damit getan? Nein.

Die Vieldeutigkeit und Vielgestaltigkeit von „Terror“ hat mir TERRORisms vor Augen geführt, und wieder einmal haben die Beiträge versucht, die Gedanken in einen Bereich „Jenseits von Gut und Böse“ zu heben, in dem man nicht sofort in einen stumpfen Kampfmodus („Wir“ gegen den Terror) verfällt, der einen Konflikt immer verschärfen und nie lösen kann. Ich meine, woher nehmen wir eigentlich die Sicherheit, dass wir die ganze Zeit auf der richtigen Seite stehen? Es ist doch gut möglich, dass zum Beispiel eine muslimische Geschichtsschreibung über die IS-Terroristen einmal urteilen könnte, wie wir über die Französische Revolution: richtige Ziele, falsche, da auf Dauer nicht erfolgreiche Methoden. Aber Urteile, was sind Urteile, sie basieren immer auf Kriterien, und die sind austauschbar. Urteile sind auch nicht das, was ich suche. Und nicht das, was wir brauchen.

Was wir brauchen, lässt sich aber schwer fassen. Ein erster Schritt ist es, nach einer Sprache für das eigentlich Unsagbare zu suchen und den Blick zu klären (zu versuchen), den Blick auf das, was aus welchen Gründen von wem wozu getan wird, und warum. Da brennt es jetzt, und der Brand breitet sich aus, brutzelt, brät, bricht überall mehr als hier, brennt immer hungrig, brennt mehr brennen wollend; und wenn wir Kämpfer schicken, besiegen sie vielleicht die Terroristen, doch der große Brand hat gewonnen. Denn aller Krieg bringt nur mehr Feuer und Terror und Tod.

Wenn wir stattdessen Reinhold Görlings Begriff von Terror als Kommunikation mit anderen Mitteln (weil konventionelle Mittel wie Sprache versagt haben) folgen, dann kann die einzige Antwort auf den Terror sein, die Kommunikation wieder auf die „normale“ Ebene herunterzuziehen, die bedeutet, gewaltfrei zu kommunizieren und die Als-Obs durchzuspielen. Das heißt: die Ideen ins Reich der Ideen zurückverbannen und ihnen so die Möglichkeit nehmen, den Körper zu verletzen.

Ja, für alle Opfer von Terror ist das ein schwacher Trost. Und für alle, die täglich gegen den Terror (zu) kämpfen (glauben), mag es wie Träumerei und unrealistisch erscheinen. Das stimmt. Den meisten Terroristen lässt sich derzeit nicht mit Sprache beikommen. Doch eins ist sicher: Terrorismus wird sich niemals durch Gewalt lösen lassen, denn Gewalt produziert immer Gegengewalt, die niemals endgültig unterdrückt werden kann. Und einen anderen Ausweg als den der Kommunikation mit anderen Mitteln als Waffen sehe ich nicht.

Zugegeben, das scheint wie eine Botschaft aus dem Kindergarten: Reden und nicht hauen! Aber so einfach ist es nicht. Was ich mir vorstelle, schließt auch ein, sich wirklich und nicht unter dem Motto „Kenne deinen Feind!“ mit der unterschiedlichen Kultur und den im weitesten Sinne „von woanders“ kommenden Wert- und Zukunftsvorstellung der jeweils anderen Seite zu beschäftigen. Und sich mit aller Ehrlichkeit zu fragen, wie falsch oder richtig wir und die anderen eigentlich liegen.

Das ist jedoch kein radikaler Aufruf zur Toleranz bis zum Erschossenwerden. Und auch kein Aufruf dazu, bestimmte grundlegende Werte wie die Menschenrechte infrage zu stellen, so weit will ich nicht gehen. Und ich merke, dass das ein kritischer Moment ist, denn ich bin kurz davor, klar Position zu beziehen. Also. Gleichzeitig bin ich in dieser Fragen Utilitarist und würde sagen: Wenn Frauen beschließen, dass Gott von ihnen verlangt, ihren ganzen Körper zu verschleiern, so sollen sie das tun, wenn sich infolgedessen niemand mehr gezwungen sieht, sich und andere deswegen zu sprengen. (Wobei ich mir nicht anmaße vorauszusagen, ob das automatisch der Fall wäre, wenn sie jeder überall verschleiern dürfte, wie er will.) Letztendlich dürfen theoretisch Differenzen (zum Beispiel Liberalismus vs. Islam) niemals zu echten Toten und Verletzten führen.

Letztendlich führen diese Überlegungen zu der Vermutung, dass es keine endgültigen Antworten und keine pauschalen Lösungen gibt, schon gar keine perfekten. Auch wenn Philosophie und Religion nach eben diesen Antworten und Lösungen so lange gesucht haben. Man könnte es als Niederlage des abendländischen Kultur verstehen, die so viele Welterklärer und Utopisten hervorgebracht hat. Ich interpretiere es lieber als Schritt hin zu einer absoluten Freiheit, absolut im Sinne von absolvere, loslösen. Eine Freiheit, die losgelöst ist von Dogmen, metaphysischen Systemen oder Parteidoktrinen.

Als ich an besagtem Abend dem Zug entstieg, blieb die Weltuntergangsstimmung erhalten. Während ich Melodeien imaginierend nach Hause trottete, trat sie ein wenig in den Hintergrund. Doch als ich eine noch nie gesehene Katze passierte, als sie mich mit ihrem starken gelben Blick musterte und sich ganz angstfrei streicheln ließ, da schoss mir (zwischen der Weltuntergangsstimmung und der kleinen banalen Freude über das rührend zutraulichen Wesen) mal wieder der Gedanke durch den Kopf, dass unsere Welt als Ganzes schon immer jenseits aller Kriterien steht und sich der Bewertung durch die derzeit dominierende Primatenart entzieht. Jene Primaten, die sich in ihren eigenen Zeichensystemen, ihrer eigenen Sprache verhaken und schnell, allzuschnell von „Gott“ und von „durch den Zweck geheiligen Mitteln“ und vom Werkzeug-Sein sprechen. Und die dann doch nur die Tränenmeere und Blutozeane beweinen, die irgendwelche rein geistige Differenzen verursacht haben.

* Das war von J.R.R Tolkien ein Gedicht. (A Walking Song) 

– P.N.


Festival Atmosphäre IV

 


Schrecken als Ware

Der in La Baraque dargestellte Terror ist nicht ideologisch und nicht politisch und schon gar nicht religiös motiviert; da sind nur zwei vom Leben nicht übermäßig liebkoste Männer, die keiner besonders sinnvollen Beschäftigung nachgehen, Geld ist auch zu wenig vorhanden, und dann fällt der eine noch aus dem Fenster, weil seine Schuhe rutschen. (Und weil sein Freund ihn geschubst hat, aber das verübelt er ihm nicht auf Dauer.) So ist halt das Leben. Aber nicht mit uns, sagen sich Grand und Petit, nicht mit uns, wir werden nicht schweigen, wir werden gehört werden, wir machen uns sichtbar! Und so wird beschlossen, sich mit einer selbstgebastelten Bombe an der Fabrik zu rächen, die die rutschigen Schuhe hergestellt. Da weiß zwar niemand, was das am Ende für einen Nutzen bringen soll, aber hey, wir haben was gesprengt, wir haben ein Zeichen gesetzt, haben erwiesen, dass wir ganz im Ernst in dieser Welt befindlich sind und tatkräftig am Umgestalten.

Doch sie werden beobachtet bei ihrem Attentat. Und wenig später steht ein Mann vor der Tür, der alles über die Tat weiß. Und begeistert ist. Und plötzlich beginnen sich die Probleme von Grand und Petit in Wohlgefallen aufzulösen, sie stellen Bomben her und verkaufen die und werden also reich, alles super soweit, nur hört man häufiger und häufiger von Anschlägen in der Stadt, im Fernsehen kommt was von Bomben in Kaufhäusern; egal, die Waffenschmiede verdrängen es, wollen nicht wissen, was da mit ihren Produkten angestellt wird, show must go on, das Business muss brummen, draußen lässt sich die Luft kaum noch atmen. Na, dann stellen wir auch noch Gasmasken her! Drei Millionen ordert das Gesundheitsministerium. Die Aufträge flattern herein, alles voller Arbeit und Bomben, die Menschen haben Monster- und Tiergesichter bekommen und sind erfolgreich, auf dem Boden verstreutes Geld, aber wo bleibt nur das verdammte Glück.

Das wars auch schon, die Geschichte. Kein Klimax, keine Wendung, keine Katastrophe. Aus zwei armen kleinen Idioten werden zwei große reiche Idioten, die Tag für Tag dazu beitragen, die Welt zu einem noch schlimmeren Ort zu machen, in dem sich dann noch mehr verdienen lässt, wenn man Gasmasken und Waffen herstellt. Sie gehen durch das Fegefeuer des Wettbewerbs und finden sich wieder am Anfang wieder, und schrecklich entstellt.

Warum Terror?

La Baraque fragt: Warum entsteht eigentlich in einer vermeintlich friedlichen und wohlhabenden Gesellschaft terroristische Gewalt? Das Stück liefert als Antwort: aus Langeweile. Genauer gesagt, aufgrund der Abwesenheit von etwas, das dem Leben Ordnung und Sinn gibt. Doch Petit und Grand finden einen Ausweg: Geld, Geld, Geld. Und Arbeit für noch mehr Geld. Das ist ihre Entscheidung, ihre Strategie, um ihrem Dasein einen Inhalt zu geben: Luxuswohnungen und mehr Aufträge und Hauptsache Mehr. Es kostet Menschenleben, gut – aber es wird großartig bezahlt! Die Folgen einfach ausblenden.

Das Stück handelt von einem Terror, der erst Selbstzweck ist und dann zur rein wirtschaftlichen Angelegenheit wird. Nichts von Ideologie, Überzeugung oder einem Zweck, der das Mittel Terror heiligen soll. Solche Begriffe kennen die Protagonisten gar nicht. Was sie interessiert, sind im Wesentlichen die Fragen: Wo gibts das nächste Bier? Den nächsten Joint? Die nächsten Scheine? In anderen Worten: In La Baraque wird auch der Terror vom wertbefreiten und letzendlich nihilistischen neoliberalen Denken erfasst. Schrecken und Tod werden zu einer Ware wie jede andere.

Machtlosigkeit?

Insofern kann La Baraque auch als Warnhinweis verstanden werden: Terror hängt mit mehr zusammen als mit den Einzelpersonen, die tatsächlich Attentate verüben. Es muss außerdem Finanziers und Waffenschmiede geben, die keine Skrupel kennen und an jeden verkaufen, welche Ziele er auch verfolgt. Nein, freier Handel ist eben keine Option, um den Terror zu bekämpfen! Und Demokratie und Rechtsstaat müssen stabil und unverkäuflich sein, um ihren mitunter finanzstarken Feinden etwas entgegensetzen zu können. Aber nicht nur die Ölmonarchen und Bananerepubliken weigern sich, da mitzumachen. Auch die westlichen Regierungen haben es letzendlich nie geschafft, die Wirtschaftsinteressen einzudämmmen, wenn sie Krieg und Zerstörung zu verursachen drohten: Waffenexporte, Ölimporte, der Irak (und mit ihm der ganze Mittlere Osten) steht noch in Flammen oder liegt schon in Trümmern, na dann sehen wir mal, was wir in der Antarktis anrichten können.

– P.N.


La Baraque – Die Vertierung des Menschen

„Maybe you know this, you search for one thing and then you discover another thing. That’s theatre, that’s how theatre works”. Pause, dann fügt Ludovic Lagarde seinen einführenden Worten zu La Baraque ein nachgestolpertes „Okay?“ hinzu. Mehr als okay, nickt es auch aus den Zuschauerreihen. Und tatsächlich ist seine Inszenierung genau das, was der französische Regisseur (der im Übrigen auch Intendant der Comédie de Reims ist) zuvor als eine Suche, die etwas anderes findet, beschrieben hat. Aus dem französischen Gastspiel, das Terror, Terrorismen behandeln wollte, ist letztlich ein Stück geworden, das die Frage nach der Identität des Menschen aufwirft. Der eigentliche Handlungsfaden ist denkbar dünn: Bislang haben Grand und Petit ein Leben des „kleines Mannes“ geführt, mit viel Bier, manchem Joint und wenig Essbaren im Kühlschrank. Bis Petit aus dem Fenster stürzt (oder ist es nicht Grand gewesen, hat er Petit nicht aus dem Fenster gestoßen?), danach sieht er nicht nur komisch aus, mit seinem großen, verbeulten Gesicht, sondern bewegt sich auch so. Und weil Petit den Schuh Trek-Pek (oder Pek-Trek) für den Fall verantwortlich macht, mischen die beiden eben eine verbravte Bombe zusammen, die dem Trek-Pek verkaufendem Schuhgeschäft gilt. Hier ist Bombenbauen wie Kuchenbacken, mit Kochtopf und Messbecher und einem mächtig aufgeregten Petit, als könnte er es nicht abwarten, endlich den Teig zu probieren. Irgendwie niedlich und verdammt komisch. Ein Video wird an die Wohnungswand projiziert, ein self-made-home-made Amateurgefilme, das den Buchstaben K des Schriftzuges Pek dabei festhält, wie es nach dem Knallfrosch von Bombe an der Geschäftswand erschöpft nach unten baumelt. Nein, gefährlich sind die beiden nicht. Die Leute, die sie aber seither besuchen kommen, die sind es schon. Sie wollen Bomben, für dies, für jenes, erst für kleines, dann für großes, erst wenige, dann mehr, dann viele. Wer sind diese Menschen, die 4, 8, 10, 20 Bomben bestellen? Bei Lagarde bleiben sie identitätslos, denn sie tragen Masken; keine archaischen Theatermasken, auch keine karnevalesken, sondern Tiermasken. Bronco zum Beispiel ist so ein Bombenkäufer und trägt eine Hundsmaske. Ist das jetzt ein Hund, der seine Rechtsstreite (und er scheint viele davon zu haben) mit Bombenanschlägen austrägt? Oder ein Mensch mit Hundsmaske, ein Hundsmensch?

 

Man sagt über Masken, sie seien überindividuell. Der Mensch, der sie trägt, verschwindet hinter ihr und damit auch seine Individualität. Masken entziehen sich der Psychologie, dem ins Innere des Menschen gerichteten Blick, der nach dem Seelenspiegel fragt. Und sie entgehen auch dem Druck, der vom Körper, vom Gesicht fordert, bloße Repräsentationsfläche eines „Innen“ des Subjektes zu sein. Das ist die große Macht der Maske und der kleine Geniestreich bei Lagarde. La Baraque bezieht die Gier des Menschen, seinen Hals, der nicht voll genug sein kann, seinen Opportunismus, der über irgendwelche fernen, „ungläubigen“ Leichen geht, ja, seine Summe an Schwachheiten, seinen Mangel nämlich nicht auf die Figuren, die auf der Bühne stehen. Das wäre zu spezifisch, hier geht es aber ums Allgemeine. Um menschliche Wesenszüge, die solche Attribute aufweisen, die der Mensch lieber in „das Tier“ auslagert: „Die Idee des Menschen in der europäischen Geschichte drückt sich in der Unterscheidung vom Tier aus“, das schrieben bereits Horkheimer und Adorno in ihrer „Dialektik der Aufklärung“. Paraphrasiert heißt das, die Identität des Menschen ist eine der Ausgliederung, sie formt sich wesentlich dadurch, dass sie sich vom Tier abgrenzt. Doch führt die Verneinung seiner tierischen Eigenschaften beim Menschen nicht etwa zu dessen Befreiung von einem naturhaften, instinkthaften Sein, nein, vielmehr mündet sie in einem Herrschaftsverhältnis. Die Unterjochung natürlicher Triebe, die der zivilisierte Mensch kultiviert dem triebgeleiteten, ungezügelten Tier zuschreibt, führt in letzter Instanz zu seiner Denaturierung und zeitigt eine Kultur der „Vertierung“.

Wenn am Ende von La Baraque die Welt außerhalb der eigenen (Maisonette)Wohnung am Bombennebel erstickt, während drinnen ihre Bombenbauer am vielen Geld schnüffeln und dabei tierische Schreie von sich geben, dann wissen wir: Heute Abend sind wir dem vertierten Menschen begegnet. Mit diesem Bild geht auch ein Festival zu Ende. Das französische Gastspiel aus Reims ist das letzte gewesen, das im Rahmen von TERRORisms gezeigt wurde. In der Autorenrunde Writing about Terror/Schreiben über Terror sagt Armin Petras: „I am not afraid of dying, I am afraid of not living.”, und meint damit ein Leben, das vielleicht deshalb tot ist, weil es nicht dafür lebt, Fragen zu stellen. Und zwar nicht die richtigen Fragen, denn es gibt keine falschen.
TERRORisms hat Fragen gestellt, an eine Welt, die nur noch in einer Antwort zu denken scheint: Richtig. Falsch. Dass es diese Digitalität nicht gibt, gar nicht erst geben kann, das haben die verschiedenen Blickwinkel der Gastspiele bebildert: Ebenso wie der Terrorismus eigentlich aus Terrorismen besteht, ist Wahrheit eine Sache, die sich letztlich aus Wahrheiten zusammensetzt.

– C.W.


Der Zweck heiligt nicht die Mittel. Der CIA-Folterreport

“Folter ist Terror”, sagt Wolfgang Nešković ganz zu Beginn. Der Bezug zum Thema ist also schnell hergestellt. Und der Vortrag sehr beeindruckend. Er erzählt über die sozial-ethische Evolution, die der Menschheit widerfährt und die durch die beschriebene Folterepisode in den USA unterbrochen wurde. Das vorgestellte Buch, also die deutsche Übersetzung des veröffentlichten Folterreports aus den USA, beschreibt nicht nur die Gräueltaten, die nach dem 11. September an amerikanischen Gefangenen verübt wurden, sondern es beschreibt auch das Gedankengerüst drumherum. Wie kann sowas juristisch legitimiert werden, wie kann man Leute ausbilden zu Folterknechten? Nešković bietet viele Einblicke, gerade auch juristischer Art und erklärt, warum dieser Folterreport auch für Deutschland wichtig ist und was wir daraus lernen sollten. Doch bisher herrscht Ohnmacht in unserem Land. Obwohl wir die USA hätten anklagen können und müssen. Warum ringt sich unser Parlament beispielsweise nicht durch, den ungeschwärzten Bericht anzufordern und so die Schuldigen zur Rechenschaft zu ziehen. Die Briten haben das bereits getan. Fast schon skandalös. Als wäre das Publikum noch nicht gebeutelt genug, kommt es zur Lesung aus dem Buch. Nešković hatte gesagt, er wolle ungern vorlesen. Er fühle sich dann immer sehr schlecht und ohnmächtig. Aber falls es keinen Freiwilligen gebe, werde er sich der Sache natürlich annehmen. Es findet sich ein halbwegs Freiwilliger und Nešković atmet auf. Während der wenigen Zeilen, die mehr Grausamkeiten beinhalten, als man ertragen kann, muss auch der Vorleser ab und zu stocken. Diese Zeilen, gekennzeichnet von purer Brutalität, sollten uns ein Mahnmal sein. Denn es ist im Interesse von uns allen, wenn die sozial-ethische Evolution weitergeht und nicht nochmal zu einem Stillstand gezwungen wird.

– L.K.


God Waits at the Station

Ruth Tonn, die künstlerische Direktorin des Habima National Theatre in Tel Aviv, sprach am Samstag in der Einführung des Stücks God Waits at the Station von Sensibilität.

Sensibel musste das Stück also sein, zum einen für das israelische Publikum und zum anderen für die Darsteller selbst. Denn behandelt wurde ein Thema, dass doch so tiefgreifend und aktuell in der gesamten israelischen Gesellschaftsordnung sitzt. Der Mittelpunkt des Stücks ist eine palästinensische Selbstmordattentäterin. Nicht alltäglich ist wohl eine Behandlung dieses Themas in der israelischen Kulturlandschaft. Zum einen, weil es sowieso permanent Thema ist, notwendigerweise verankert in den Gedanken und Konversationen der Menschen, und zum anderen, weil es, ja wie schon gesagt, gerade deshalb so sensibel behandelt werden muss und weil man mit jedem noch so kleinen Fehltritt Opfer, aber auch Täter in Aufruhr bringen könnte.

Und so vorsichtig war es auch: Mit einer zarten Klarheit und einer durchdringenden, rührenden aber auch bedrohlichen Ruhe wurde eine Problematik inszeniert, welche äußerste Achtsamkeit fordert – in vielerlei Hinsicht. Weiß waren alle Darsteller gekleidet, und die Bühne und Spieler kamen beinahe ohne Requisiten aus. Eine scheinbar schwangere Frau begeht in einem gut besuchten israelisch-palästinensischen Restaurant in Tel Aviv ein Selbstmordattentat. Die Schuldzuweisung und Verantwortungsschieberei der Betroffenen und Beteiligten zeigt wiedermal die ohnmächtige Anzahl an Begründungsmöglichkeiten auf. Auch die Motive der Attentäterin werden umfassend zu beleuchten versucht. Ein innerer Konflikt, welcher prägend in von Terror gefährdeten Ländern zu sein scheint, wird besonders herausgearbeitet. Das Handeln nach Herz oder nach Vorschrift und Angst?

Ein Beispiel: Die rothaarige 18-jährige Soldatin träumt von Kindern und einer eigenen Familie.
Sie hat die Anweisung, niemanden nach Tel Aviv über die Grenze zu lassen, der keinen Passierschein besitzt. Nach mehrmaligem Abweisen der jungen Palästinenserin wird sie doch bei einem weiteren Mal gnädig – als die Attentäterin scheinbar schwanger, doch eigentlich nur verzweifelt und angetrieben durch von äußeren (oder auch innerlichen?) herangetragenen Pflichten und erfahrenen Ungerechtigkeiten, zum Grenzübergang kommt.

Die rothaarige 18-jährige Soldatin träumt von Kindern und einer eigenen Familie –

Boom.

– A.H.


Kampf der Werte

Kampf der Werte hieß es am Sonntagvormittag im gut besuchten Saal des Schauspielhauses. Geladene Gäste waren der renommierte Philosoph Julian Nida-Rümelin, sowie Sherko Fatah, der Autor des 2014 erschienenen Romans „Der letzte Ort“. Die Moderation führten zwei Redakteure der Stuttgarter Zeitung, Stefan Kister und Rainer Pörtner.

Unheimlich viele Information und Denkanstöße bekam man in diesen beinahe zwei Stunden. Der Fokus wurde in dieser Gesprächsrunde vor allem auf den IS-Terror gelegt, sowie die Behandlung der Frage nach Möglichkeiten einer Demokratisierung muslimischer Länder nach westlichem Vorbild und von welchen Faktoren eine Realisierung bzw. Nicht-Realisierung dessen abhängt.
Nida-Rümelin hat das Buch „Demokratie und Wahrheit“ veröffentlicht und auch wenn man es nicht gelesen hat, konnte man durch seine Aussagen heute Morgen eine Vorstellung davon bekommen, was den Leser in seinem Buch erwarten könnte. Denn Nida-Rümelin räumte mit so mancher vertuschten oder vergessenen Unwahrheit in der Demokratie des Westens auf und bemängelte in vielerlei Hinsicht dessen Herangehensweise an eine geheuchelte „Demokratisierung“ von Ländern, die bisher unter totalitären und religiös orientierten Regimen standen.

Allem voran schaffte Nida-Rümelin Bewusstsein dahingegen, dass er die Frage aufwarf, ob der Westen nicht eben durch beispielsweise Guantanamo seine eigenen westlichen Werte, die auf die allgemeine Erklärung der Menschenrechte gründen sollten, selbst verrät?
Das war natürlich nur ein Beispiel von vielen. Es folgten im Laufe des Gesprächs zudem kurze Begründungsausflüge in die Wirtschaft und den Kapitalismus (Stichwort: Billiglohnländer) und dem teils in der Bildung propagierten „einzigen Wert des Profits“ und dessen bereits ersichtliche Folgen.

Fatahs Wurzeln finden sich im Irak und Masuren, aufgewachsen ist er jedoch in Berlin. Durch seine von Kindheit an unternommenen Reisen in den Irak konnte er das Publikum mit wertvollen Sichtweisen bereichern, welche die Menschen im Kleinen von Demokratisierungsversuchen des Westens repräsentieren. Dadurch bemängelte er beispielsweise auch die teilweise Naivität des Westens. Nur weil ein totalitäres Regime gestürzt wurde ist nicht sofort gewährleistet, dass eine Demokratie darauf folgen kann, geschweige denn mit einer solch immensen neugewonnenen Freiheit und Autonomie umgegangen werden kann, was wiederum auf die tief über die Geschichte und Religion verwurzelten Werte in den Köpfen der Menschen zurückzuführen sein kann.

Als ein Beispiel der verschiedenen Werte, welche sich als problematisch erweisen könnten bezüglich der Demokratisierung durch westliche Ideen, wurden die familiärer Strukturen genannt. Denn die Werte, wie sie in diesen Ländern eben beispielsweise in familiären Strukturen vorherrschen, sind nicht demokratiefähig (Rolle der Frau). Selbst wenn man davon ausginge, dass Religion und Staat getrennt agieren, ist das Bewusstsein dafür noch längst nicht in den Köpfen der Menschen angelangt. Dies waren nur einige wenige Beispiele und Ansichten, die an diesem Vormittag diskutiert wurden. Doch was waren nun formulierte Ansätze von Lösungsvorschlägen? Ganz deutlich wurde dem Zuhörer im Laufe des gesamten Gesprächs Nida-Rümelins absolute Forderung der Trennung von Kirche und Staat, dabei möchte absolut betont sein. Denn laut ihm, sind weder der Islam noch das Christentum (altes sowie auch neues Testament) demokratiefähig und können im Extremfall durch die Überhöhung dessen, im Sinne der Selbstüberhöhung durch die Religion, zu Diskriminierung und dergleichen führen.

Sein Lösungsansatz ist da eher philosophischer beziehungsweise vernünftiger Natur, beispielsweise in der Anlehnung an Kants kategorischen Imperativ. Außerdem schildert Nida-Rümelin eine deutliche und gut begründete Notwendigkeit der Ablösung vom Ideal der Toleranz durch Respekt. Denn Toleranz heißt „dulden“ und „dulden“ heißt quasi „aushalten“, während Respekt das Verständnis gegenüber der Autonomie des anderen fordert. Die größte Möglichkeit ein Bewusstsein und Erlernen von Respekt zu gewährleisten sieht er in der Bildung. Sprich der Pflege der Nachkommen.

Was das für das Jetzt bedeutet bleibt weitest gehend offen, doch ist es ja, wie man ganz allgemein die letzten Tage im Rahmen des Festivals permanent erkennen durfte, eine Illusion zu glauben, dass es eine formulierte Lösung gäbe. Die Gründe, Ursachen, Lösungsansätze, Sichtweisen scheinen unendlich und somit wären wohl Geduld und Zuversicht noch weitere Werte, die es gilt in Zukunft zu pflegen.

– A.H.